Online-Gesangsunterricht – funktioniert das wirklich?
- Linda Fischer
- vor 6 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Durch die Pandemie hat es auch im musikalischen Bereich viele Anstöße gegeben, digitales Arbeiten und Unterricht zu ermöglichen. Ich konnte mir das Anfangs nicht so richtig vorstellen, hatte dann aber eine Schülerin, die von Hamburg nach Berlin zog und so gerne weiter Unterricht nehmen wollte, dass ich es ihr zu liebe ausprobiert habe.
"Kann man Gesang überhaupt online unterrichten?"
Die kurze Antwort lautet: Ja – unter den richtigen Voraussetzungen.
Online-Unterricht ist längst mehr als eine Notlösung. Für viele meiner Schülerinnen und Schüler ist er ein fester Bestandteil ihrer gesanglichen Entwicklung. Trotzdem ersetzt er den Präsenzunterricht nicht vollständig. Beide Unterrichtsformen haben ihre Stärken – und genau deshalb ist es wichtig zu wissen, wann welche Form sinnvoll ist.
Was braucht man für Online-Unterricht?
Die technischen Voraussetzungen sind überschaubar.
Du benötigst:
eine stabile Internetverbindung,
einen Laptop, ein Tablet oder einen Computer,
und möglichst eine gute Tonqualität.
Wer regelmäßig online Unterricht nehmen möchte, sollte über die Anschaffung eines externen Mikrofons nachdenken. Das muss kein professionelles Studio-Equipment sein. Nach meiner Erfahrung erhält man bereits für etwa 100 bis 150 Euro Mikrofone, die eine deutliche Verbesserung der Klangqualität ermöglichen und den Unterricht effektiver machen. Gerade in der Stimmbildung hören wir oft sehr feine Veränderungen. Eine gute Tonübertragung hilft dabei enorm.
Was unterscheidet Online- vom Präsenzunterricht?
Der größte Unterschied liegt darin, dass wir nicht gemeinsam musizieren können.
Im Präsenzunterricht begleite ich meine Schülerinnen und Schüler direkt am Klavier. Die Musik trägt den Gesang, ich kann spontan reagieren und den musikalischen Fluss unmittelbar mitgestalten und am laufen halten.
Online funktioniert das technisch leider nicht. Die Übertragungsverzögerung sorgt dafür, dass gleichzeitiges Musizieren nicht möglich ist.
Deshalb läuft der Unterricht etwas anders ab:
Ich spiele eine Übung am Klavier vor.
Anschließend entsteht eine kurze Pause.
In dieser singt der Schüler oder die Schülerin die Übung nach.
Während des Singens höre ich aufmerksam zu, beobachte die Stimme und gebe anschließend Rückmeldung oder passe die nächste Übung an.
Der Unterricht bleibt dadurch genauso individuell – der Rhythmus ist lediglich ein anderer.
Ist Online-Unterricht für Anfänger geeignet?
Aus meiner Sicht eher nicht.
Gerade am Anfang profitieren Sängerinnen und Sänger davon, gemeinsam mit dem Klavier durch den Lehrer geführt zu werden. Die direkte musikalische Begleitung gibt Sicherheit und erleichtert es, Tonfolgen, Intervalle und musikalische Zusammenhänge zu erfassen. Missverständnisse über Lautstärken, etc. können direkt abgefangen und umgelenkt werden.
Im Online-Unterricht braucht es deshalb bereits eine gewisse Eigenständigkeit im Nachsingen und ein Grundvertrauen in die eigene Tonvorstellung.
Deshalb empfehle ich Online-Unterricht vor allem Menschen, die bereits erste Unterrichtserfahrungen gesammelt haben.
Für wen eignet sich Online-Unterricht besonders?
Online-Unterricht ist ideal für alle, die nicht regelmäßig nach Tornesch kommen können.
Viele meiner Schülerinnen und Schüler leben inzwischen in ganz unterschiedlichen Regionen Deutschlands oder sind beruflich viel unterwegs.
Andere nutzen den Online-Unterricht,
während einer Tournee,
als direkte Vorbereitung auf Auditions oder Konzerten (Einsingen etc.)
im Urlaub,
nach einem Umzug,
oder weil sich ihr Lebensmittelpunkt verändert hat.
So können wir kontinuierlich an der Stimme weiterarbeiten, ohne längere Unterrichtspausen entstehen zu lassen.
Gerade in der Funktionalen Stimmentwicklung ist Kontinuität ein wichtiger Baustein. Kleine, regelmäßige Impulse bewirken oft mehr als große Abstände zwischen einzelnen Unterrichtseinheiten.
Warum Präsenz trotzdem wichtig bleibt
So wertvoll Online-Unterricht ist halte ich regelmäßige Präsenztermine weiterhin für sinnvoll.
Es gibt Aspekte der Stimmarbeit, die sich online hervorragend umsetzen lassen. Andere profitieren davon, wenn wir gemeinsam in einem Raum arbeiten.
Vor allem bei Themen wie Körperorganisation, größeren dynamischen Unterschieden oder sehr feinen klanglichen Veränderungen ist der direkte Kontakt oft noch präziser.
Deshalb empfehle ich meinen Online-Schülerinnen und -Schülern, in regelmäßigen Abständen auch persönlich vorbeizukommen.
Das kann ganz unterschiedlich aussehen:
Vielleicht verbindest du einen Wochenendtrip nach Hamburg mit zwei oder drei Unterrichtseinheiten.
Oder du nimmst an einem meiner Workshops teil, bei denen wir intensiv und konzentriert miteinander arbeiten.
So ergänzen sich Online- und Präsenzunterricht ideal.
Mein Fazit
Online-Unterricht ist kein Ersatz zweiter Klasse.
Er ist eine wertvolle Möglichkeit, kontinuierlich an der Stimme zu arbeiten – unabhängig davon, wo du gerade bist.
Wenn die technischen Voraussetzungen stimmen und bereits etwas Unterrichtserfahrung vorhanden ist, lassen sich auch online die nötigen Entwicklungen anstoßen.
Und genau darum geht es letztlich: den Prozess nicht unterbrechen zu müssen, sondern der Stimme immer wieder neue Impulse zu geben.
Denn Stimme entwickelt sich nicht durch den Ort, an dem wir lernen – sondern durch die Qualität der gemeinsamen Arbeit.


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