Funktionale Stimmentwicklung - Wenn wir lernen dürfen anstatt funktionieren zu müssen.
- Linda Fischer
- vor 2 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Vor zwei Jahren kam eine Schülerin mit einem ganz konkreten Wunsch zu mir: Sie wollte ihrem Sohn zum Geburtstag ein Lied schenken. Das Ziel war klar. Ein bestimmter Song sollte zu einem bestimmten Datum erarbeitet werden, um dann vorgetragen werden zu können. Solche Anfragen begegnen mir häufig. Menschen kommen mit einem Anlass – einer Hochzeit, einem Geburtstag, einer Aufnahmeprüfung oder einem Vorsingen - und dem damit verbundenen Wunsch nach Unterstützung zu diesem konkreten Ziel zu gelangen.
Nicht selten steckt hinter diesem Wunsch ein größerer, lang gehegter Traum:
"Ich würde so gerne singen können."
Und häufig tragen genau diese Menschen eine Geschichte mit sich, in der ihre Stimme bewertet wurde. Vielleicht schon als Kind. Vielleicht in der Schule. Vielleicht später im Erwachsenenleben.
Wie schnell hören wir im Alltag Sätze wie:
"Das klingt aber schief." - "Das ist aber ganz schön schrill." - "Ich weiß ja nicht, ob Singen wirklich dein Ding ist."
Solche Bemerkungen sind oft schnell ausgesprochen – doch sie bleiben. Manchmal jahrelang. Sie prägen unser Bild von der eigenen Stimme und lassen viele Menschen glauben, sie seien einfach "nicht musikalisch".
Lernen ist kein gerader Weg
Wir haben gelernt zu denken: Ich mache A, damit ich B erreiche. Dann C, damit D funktioniert. Lernen erscheint oft wie eine gerade Linie mit einem klar definierten Ziel.
Doch genau so funktioniert stimmliche Entwicklung nicht.
Singen lernen bedeutet, sich auf einen Prozess einzulassen, dessen Ausgang wir noch gar nicht vollständig kennen. Es bedeutet, neue Erfahrungen zu machen, Zusammenhänge zu entdecken und Fähigkeiten zu entwickeln, die vorher schlicht noch nicht vorhanden waren.
Dazu gehören Fortschritte. Aber genauso Rückschritte. Unsicherheiten, Fragen, Scheitern. Während wir unser Instrument entwickeln bewegen wir uns mit dem was wir tun oft am Rande oder sogar, vom Lehrer geführt, außerhalb unserer Vorstellungskraft.
Und genau darin liegt der eigentliche Lernprozess.
Nicht das Defizit steht im Mittelpunkt– sondern der Mensch
Als wir die Stimme meiner Schülerin zum ersten Mal gemeinsam betrachtet haben, zeigten sich deutliche muskuläre Spannungen und Blockaden, die sich in dem für sie typischen Stimmklang ausgedrückt haben.
Man könnte nun sehr schnell beginnen zu bewerten:
Sie drückt. Sie öffnet den Mund nicht weit genug. Sie atmet falsch. Sie hat Probleme in der Kopfstimme. Sie hat Schwierigkeiten die richtigen Töne zu treffen.
All diese Aussagen beschreiben zwar etwas Beobachtbares - sie erklären aber nichts.
Mich interessiert vielmehr die Frage: Warum arbeitet diese Stimme genau so?
Jede Stimme tut zunächst einmal das Beste, was sie im jeweiligen Moment leisten kann.
Kein Mensch singt absichtlich schief. Niemand entscheidet sich bewusst dafür, zu drücken oder festzuhalten.
Jede Bewegung entsteht aus einer bestimmten muskulären Organisation, die wiederum eine Geschichte hat.
Und genau diese Geschichte interessiert mich.
Jeder Ton erzählt etwas
Wenn ein Ton hängen bleibt, ist das keine Niederlage. Wenn ein Registerwechsel nicht funktioniert, ist das kein Versagen. Wenn die Intonation schwankt, steckt darin eine Information. Jeder scheinbare Fehler zeigt mir etwas über die Zusammenarbeit der Muskulatur. Er gibt Hinweise darauf, welche Bewegungsabläufe bereits verfügbar sind und welche noch entwickelt werden dürfen.
Meine Aufgabe als Gesangspädagogin besteht deshalb nicht darin, eine Stimme möglichst schnell zu bewerten oder ihr Grenzen zuzuschreiben. Ich fälle kein Urteil, wie musikalisch jemand ist.
Ich maße mir nicht an zu bewerten, ob "aus dieser Stimme noch etwas werden kann".
Meine Aufgabe ist es, einen sicheren Raum zu schaffen.
Einen Raum, in dem Menschen wieder ausprobieren dürfen. In dem Fehler erlaubt sind. In dem Neugier wichtiger ist als Perfektion. In dem jede Stimme zunächst einmal genau so sein darf, wie sie heute ist.
Die Freude am Prozess
Die Schülerin, die ursprünglich "nur" dieses Geburtstagslied singen wollte, ist geblieben. Seit zwei Jahren arbeiten wir gemeinsam und entschlüsseln ihren ganz individuellen Weg hin zur stimmlichen Freiheit.
Mit Geduld, mit Neugier ,mit Offenheit und ganz viel Mut und Wertschätzung für alles Unerwartete was auf uns wartet.
Und irgendwann geschieht etwas, das sich kaum planen lässt.
Die Stimme beginnt, sich freier zu organisieren. Die Kopfstimme wird zugänglich. Register verbinden sich. Beweglichkeit entsteht. Ein eigener, freier Stimmklang entwickelt sich.
Ein Mensch, der zu Beginn kaum eine Melodie über eine Oktave sicher singen konnte, steht plötzlich vor mir und singt Übungen, die früher völlig unmöglich gewesen wären. Nicht mühsam, nicht erkämpft sondern selbstverständlich.
Und das Schönste daran sind nicht die Töne. Es sind die strahlenden Augen. Das gewachsene Vertrauen in das eigene Instrument. Die Freude und das Staunen darüber, was plötzlich möglich geworden ist
.
Warum ich diesen Beruf liebe
Genau deshalb liebe ich die Funktionale Stimmentwicklung. Nicht, weil sie schnelle Lösungen verspricht.
Sondern weil sie Menschen erlaubt, ihre Stimme wirklich kennenzulernen. Schicht für Schicht, ohne vorschnelle Bewertungen. Mit Respekt vor dem individuellen Weg jeder einzelnen Stimme.
Vielleicht frage ich mich deshalb manchmal, ob wir uns auch außerhalb des Gesangs wieder mehr Räume schaffen sollten, in denen Entwicklung einfach Entwicklung sein darf. Ohne ständige Zielvorgaben. Ohne Perfektionsdruck. Ohne das Gefühl, möglichst schnell funktionieren zu müssen.
Denn genau dort entsteht echtes Lernen.
Wenn du dich fragst, ob Gesangsunterricht für dich das Richtige ist, ob deine Stimme "gut genug" ist oder ob man in deinem Alter überhaupt noch singen lernen kann, dann möchte ich dir vor allem eines sagen:
Du musst nicht perfekt sein, um anzufangen.
Du musst keine außergewöhnliche Stimme mitbringen.
Du musst nur bereit sein, dich auf einen Prozess einzulassen.
Denn Entwicklung beginnt nicht dort, wo wir bereits alles können.
Sie beginnt dort, wo wir uns erlauben, den ersten Schritt zu gehen.


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